Sonntags-Wort

Ostern und die Leinenbinden

Ich möchte heute über das Leinentuch sprechen. Leinen ist Stoff, Materie. Daher ist es naheliegend: im Leinentuch ein Symbol für unseren Leib zu sehen, mit dem unsere Seele in dieser Welt bekleidet ist. Und weil wir zu Ostern die leibliche Auferstehung bekennen, ist es auch angebracht, zu Ostern dieses Symbol, das Leinentuch in den Fokus zu stellen.

Gehen wir nun einige Stationen im Evangelium durch, wo uns dieses Symbol begegnet:

1) Menschwerdung: Bei der Geburt Jesu, wo das Wort Gottes Fleisch wird, wurde das Baby in Windeln gewickelt: für mich ein Bild eben für die konkrete leibliche Gestalt von Jesus.

2) Später wird Jesus in der Verklärung in einem hellen weißen Kleid von seinen Jüngern gesehen; in einem Weiß, dass kein Bleicher auf Erden machen kann. Es deutet auf die Verwandlung unserer leiblichen Gestalt hin, die uns geschenkt wird und die wir nicht machen können.

3) Beim letzten Mahl mit seinen Jüngern legt Jesus das Obergewand ab und gürtet sich mit einen Leinentuch, mit dem er die Füße der Jünger abtrocknet. Das Leinentuch ist hier das Symbol für konkreter leibhafte Liebe.

4) Bei der Verurteilung Jesu wird vom Evangelisten Markus von einem jungen Mann berichtet, der aus Angst sein leinenes Gewand fallen lässt und nackt entflieht. Zweifellos eine sehr rätselhafte Szene. Für mich deutete es an, dass wir zwar unseren Leib verlieren können, aber nicht die Seele.

5) Weiters wird bei der Kreuzigung erzählt, dass man Jesu Kleider unter den Soldaten verteilt hat, aber sein leinenes Untergewand nicht zerteilt. Es sagt mir, dass der Mensch durch seine leibliche Erfahrung eine Individuum geworden ist, einzigartig, unteilbar.

6) Und schließlich die Szene im leeren Grab. Hier kommen die Leinenbinden vor:  Darin sehe ich, dass die irdische Lebensgeschichte aufgehoben ist und auf ein Dahinter verweist, das wir noch nicht fassen können. Deswegen sagt der Auferstandene zu Maria: halte mich nicht fest. Aber du geh und verkünde!

Das dürfen auch wir tun.

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