Gedanken zum 3. Fastensonntag

Familienfastensonntag - Unterstützung für kolumbianische Frauenprojekte

Gedanken zum 3. Fastensonntag von MMag. Eva Lang | Schriftstellen: Ex 20, 1-17 | 1 Kor 1, 22-25 | Evangelium: Joh 2, 13-25

Liebe Pfarrgemeinde,

Sie haben sicher schon bemerkt, dass heute in unserer Kirche Plakate zum Familienfastensonntag hängen; im Pfarrsaal gibt es dann auch ein gutes Fastensuppenessen, zum dem alle eingeladen sind. 

Mit diesen Plakaten sind wir  eingeladen, wieder einmal bewusst von dem, was wir haben, zu teilen – und dabei ist natürlich die materielle Gabe, eine Geldspende, erwünscht, die diesmal zwei Frauenprojekten in Kolumbien zugute kommen soll.

Aber gerade wenn wir uns dieses ferne lateinamerikanische Land Kolumbien näher anschauen, kann uns bewusst werden, dass jede Gabe, die wir als Zeichen des Beistands, der Ermutigung und der Hilfe zur Selbsthilfe geben, noch eine ganz andere Dimension hat – nämlich dass wir dadurch in eine Beziehung treten, dass wir mit unserer Gabe sagen: ich sehe dich und deine Not, ich möchte daran Anteil nehmen, indem ich dir einen Anteil von mir gebe.

Kolumbien war jahrzehntelang von Gewalt, Bürgerkrieg, Todesschwadronen, Guerillakämpfen und dem Haß zwischen Regierung und Rebellen geprägt. Auch Polizei und Justiz waren Teil des gewalttätigen Systems, das das Land zu einem Unrechtsstaat machte. Die verschiedenen Gruppen hatten jegliche Gesprächsfähigkeit zueinander verloren. Es wurde von allen Seiten nur um die eigene Sache gekämpft, und das um den Preis vieler Menschenleben, vieler seelisch und körperlich Verwundeter.   

Im Evangelium hören wir heute von einem Einschreiten Jesu in eine Gruppe, eine Gesellschaft, die – obwohl sie sich im Tempel von Jerusalem aufhielt - , auch nur noch das Ihre und das Eigene sah. Die Händler, die Verkäufer von Tauben, Schafen und Rindern und die Geldwechsler hatten es sich im Tempel gut eingerichtet. Sie machten Geld mit der Frömmigkeit anderer und ließen dadurch das Haus Gottes zu einem Geschäftslokal verkommen.

An dieser Stelle des Evangeliums ist mir Jesus immer sehr fremd vorgekommen, die Wildheit und Heftigkeit und seines Verhaltens erschienen mir fremd. Aber wenn ich genau in diese Situation hineinspüre, dann merke ich, dass Jesus eigentlich genauso ist wie ich – dass er reagiert wie ich, wenn etwas, das mir sehr viel bedeutet, das mir heilig ist, lächerlich gemacht oder missachtet wird. Die Heftigkeit, ja der Zorn, mit dem Jesus eingreift, ist dann plötzlich ganz leicht verständlich, weil das Verhalten der Händler bei ihm einen wunden, einen heiligen Punkt berührt hat: Jesus hat auf einen Blick gesehen, dass das Haus, in dem die Gegenwart Gottes erspürt und gefeiert werden soll, zu einem Basar verkommen ist, dass es keine Gottesbegegnung, keine Gotteserfahrung unter diesen Händlern mehr gibt,  weil sie den Tempel nur noch nutzen, um Geschäfte zu machen.  Damit tun sie dem Freundschaftsbund Gottes zu seinem Volk Gewalt an – und Jesus ist über diese Mißachtung der von Gott angebotenen Beziehung verstört und empört. Er greift ein, um die Händler auf die lebendige Gottesbeziehung wieder hinzuweisen, um die es einzig und allein im Tempel geht.

Diese Freundschaft, die Beziehung, die Gott zu seinem Volk sucht, beginnt durch eine Art „Vorleistung“, ein Versprechen Gottes. Er führt sein Volk aus dem Sklavenhaus. Diese Freiheitstat Gottes steht am Anfang des Weges, den das Volk Gottes durch die Wüste nimmt. Auf diesem langen Weg kommt es zu Abtrünnigkeiten, Zweifeln, Murren, Unzufriedenheit, zur Anbetung des Goldenen Kalbes. Aber die Erinnerung an die Befreiungstat Gottes ist stärker, und als Hilfe für das Leben in der neuen Freiheit werden Israel in der Wüste die 10 guten Gebote geschenkt: Hilfestellungen und Wegweisungen dafür, wie man dem Mitmenschen und Gott in Achtung und Freundschaft verbunden bleibt.     

Dieser Weg in die Freiheit wird zur ganz grundlegenden und tragenden Erfahrung des Volkes Israel mit seinem Gott, der Anfang einer neuen Beziehung.

Ein solches neues Zueinander suchen jetzt auch die bisher verfeindeten Gruppen in Kolumbien durch den Friedensprozess, der zwar begonnen hat und auch schon mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, der aber noch viele Jahre des steinigen und schweren Wüstenweges dauern wird.

Wenn wir diesmal Fraueninitiaven unterstützen, die für Versöhnung, Gewaltfreiheit und Bildung arbeiten, dann zeigen wir ihnen, dass wir an ihren Weg glauben, der sie in eine neue Freiheit führen kann, und dass wir sie ein Stück begleiten wollen. Wir wünschen ihnen, dass auch sie die Erfahrung machen können, von Gott geführt zu sein, geführt in ein Leben, in dem sich Menschen entfalten können anstatt sich zu bekämpfen, und in ein Leben, in dem Gott wieder als DER erfahrbar wird, dessen Botschaft und Wunsch an uns der Friede ist.